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Kulturelle Abweichungen vom Zweigeschlechtersystem

Wie ich euch in meinem Artikel über das biologische Geschlecht versprochen hatte, schreibe ich heute über die Abweichungen vom Zweigeschlechtersystem, die sich in einigen Kulturen finden lassen.


Kathoey


Kathoey ist eine in Thailand und Laos übliche Bezeichnung für Transpersonen. Der Begriff umfasste ursprünglich sowohl Menschen mit körperlichen Abweichungen wie Intersexualität, als auch Menschen mit Funktionsstörungen, wie Potenzstörungen oder Sterilität, als auch Menschen mit nicht heteronormativem Rollenverhalten, wie z.B. Homosexualität und Transsexualität. Ihren Ursprung haben die Kathoey in einem indigenen Ursprungsmythos, der die Entstehung der Menschen in drei Geschlechtern beschreibt: männliche Männer, weibliche Frauen und kathoey.


Jedoch wurde dieses traditionelle Verständnis, das auf eine Gleichstellung der drei Geschlechter schließen lassen könnte, durch die buddhistische Missionierung und die kulturelle Globalisierung verändert. Die buddhistischen Missionare integrierten kathoey in den buddhistischen Kanon. Sie lehrten, dass Menschen, die Leben gegen (hetero)sexuelle Normen verstoßen als kathoey wiedergeboren werden. Ein Mensch der als kathoey geboren wird, wird demzufolge für Vergehen aus seinem früheren Leben bestraft. Zwar wurde hier die Existenz eines dritten Geschlechts nicht konsequent geleugnet, wie es in westlichen Kulturen üblich war, doch kann von einer Gleichstellung der Kathoey nicht die Rede sein. Sie sind Menschen, die man eher bedauert als verspottet, dennoch haben sie nicht den gleichen Status wie die anderen Geschlechter.


In jüngerer Zeit hat auch das westlich geprägte Bild von Transpersonen als „kranke Menschen“ Einzug in die thailändische Kultur und die sexualwissenschaftlichen Lehrbücher gehalten, mit der Folge, dass Kathoey z.B. bis 2012 bei der Musterung wegen Geisteskrankheit oder Psychose ausgemustert wurden. Da (rechtliche) Männer das Formular über ihren Wehrdienst bei der Arbeitsaufnahme oder der Zulassung zu einer Hochschule vorweisen müssen, hatte dies gravierende Konsequenzen für die so ausgemusterten Kathoey.


Aufgrund dieser sehr negativen Einstellung zu den Kathoey haben diese Schwierigkeiten bei der Berufswahl und sind daher besonders häufig im Unterhaltungsgewerbe und im Rotlichtmilieu zu finden. Darüber hinaus ist die Suizidrate unter Kathoeys signifikant höher als in der restlichen Bevölkerung.


Hijra


Die Hijra werden in einigen südasiatischen Ländern, allen voraus in Indien, offiziell als drittes Geschlecht anerkannt. Sie werden als weder vollständig männlich noch vollständig weiblich angesehen, wobei sie auf der spirituellen Ebene als „Mann plus Frau“ gesehen werden. Hijra sind meist biologisch männlich geborene Personen, viele identifizieren sich jedoch als weiblich. Nicht selten unterziehen sie sich einer Totalkastration, die „Nirwaan“ genannt wird. Auch im Kama Sutra wird bereits ein drittes Geschlecht erwähnt.


Die Hijra sind in den Kontext des Hinduismus eingebettet. Sie leben in Gemeinschaften, die zwar kastenähnlich organisiert sind, jedoch gleichzeitig außerhalb des Kastensystems stehen. Hijra sind ein eigenes kulturell und religiös definiertes Geschlecht, das in früherer Zeit eine wichtige gesellschaftliche Funktion innehatte. Sie lebten in Tempeln und führten Rituale bei Tauffeiern und Hochzeiten durch. Hijra stützen sich auf mehrere Religionen und praktizieren Rituale für Männer und Frauen. Sie sind normalerweise Anhänger von Bahuchara Mata (der Muttergöttin) und / oder Shiva.


Bahuchara Mata ist eine hinduistische Göttin über die es verschiedene Geschichten gibt, die eine Geschlechtsumwandlung thematisieren. So war Bahuchara Mata in einer Geschichte mit ihren Schwestern in einer Karawane unterwegs, die von einem Banditen angegriffen wurde. Sie verfluchte den Banditen zur Impotenz und schnitt ihre Brüste ab, als Zeichen des Abwerfens ihrer Weiblichkeit. Der Bandit konnte sich vom Fluch der Impotenz befreien, indem er die Rolle einer Frau annahm, sich wie eine Frau anzog und verhielt und Bahuchara Mata anbetete. In einer anderen Geschichte betete ein König zu der Göttin Bahuchara Mata und bat sie um einen Sohn. Der Sohn wurde impotent geboren und die Göttin erschien ihm und befahl ihm seine Genitalien abzuschneiden, sich Frauenkleider anzuziehen und Bahuchara Mata zu verehren.


Shiva ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Er ist Bestandteil der hinduistischen Trinität, wo er das Prinzip der Zerstörung verkörpert, neben Brahma, dem Schöpfer und Vishnu, dem Bewahrer. Shiva hat verschiedene Manifestationsformen: Nataraja – der kosmische Tänzer, Dakshinamurti – der Lehrer, Panchanana – der Fünfgesichtige, Mahayogi – der große Yogi, Aghora Rudra – Shiva in seinem zerstörerischen Aspekt und der im Zusammenhang mit den Hijra wichtigsten Manifestationsform Ardhanasarisvara – Shiva als Mann und Frau. Shiva als Ardhanarisvara wird als halb Mann und halb Frau dargestellt, wobei die weibliche Seite Parvati, Shivas Gemahlin repräsentiert.


In der Kolonialzeit wurden durch die britische Verwaltung mehrere Gesetze verabschiedet, die sich ausdrücklich gegen die Hijras richteten. So wurden z.B. Gesetze zur Kleiderordnung erlassen und das Nirwaan-Ritual ausdrücklich verboten. Die Hijra wurden als „krimineller Volksstamm“ bezeichnet und lange Zeit stigmatisiert. Auch nach der Entkriminalisierung der Hijra in Folge der Unabhängigkeit Indiens blieb die Stigmatisierung bestehen. Der zunehmende Einfluss westlicher Werte und Normen führte zu einer Ablehnung der Hijras und ihrer traditionellen Dienste, wodurch Hijras zunehmend genötigt waren als Sexarbeiter*innen zu arbeiten. Als Folge dieser Entwicklungen leben Hijras meist am Rande der Gesellschaft und sind häufig Opfer von Gewalt und Diskriminierung.


Chanith


Chanith ist ein umgangssprachliches arabisches Wort für Menschen mit männlichen Geschlechtsorganen, die jedoch die männliche Geschlechterrolle weitestgehend ablehnen. Aber auch intergeschlechtliche Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsorganen werden so bezeichnet.

Chanith werden behandelt als ob sie Frauen wären, haben jedoch einen Zwischenstatus, der sich sowohl im äußeren Erscheinungsbild zeigt, als auch im Verhalten. So tragen sie sowohl Männer- als auch Frauenkleidung, sie verhüllen ihr Haupt nicht und haben einen halblangen Haarschnitt, der weder von Männern noch von Frauen getragen wird. Im Verhalten ähneln sie eher Frauen, imitieren deren Gang und Stimmlage. Darüber hinaus ist es Chanith möglich sich sowohl im häuslichen Bereich der Frauen, als auch im öffentlichen Bereich der Männer zu bewegen. Sie nehmen außerdem eine wichtige Rolle bei bestimmten Ereignissen, wie Hochzeiten ein.

Es ist jedoch anzumerken, dass Chanith kein tatsächliches drittes Geschlecht bezeichnet. Es ist eher eine Bezeichnung für einen sexuell inaktiven und somit als impotent geltenden Mann. Hierbei wird männliche sexuelle Aktivität verstanden als eindringen in den Partner. Männlichkeit definiert sich also über den Besitz und Gebrauch eines Penis. Dem entsprechend ist es möglich den Status als Chanith abzulegen und als Mann angesehen zu werden, indem ein Chanith „männlich“ sexuell aktiv wird.


Alternative Geschlechter bei den indigenen Völkern Nordamerikas


Bei vielen indigenen Völkern Nordamerikas war die Existenz eines dritten, vierten oder allgemein alternativer Geschlechter anerkannt. Das Geschlecht wurde hier unter anderem als veränderbar oder fließend verstanden. Es wurde durch Träume oder Handlungen der Eltern verursacht und bestimmt, und in Ritualen verändert. Außerdem war es unabhängig von physischen Merkmalen. Angehörige der zusätzlichen Geschlechter zeichneten sich hierbei vor allem dadurch aus, dass sie sowohl männliche als auch weibliche Tätigkeiten ausübten. Ein Beispiel sind die Nadlehee in der Navajo-Kultur, die in ihrer Gesellschaft hoch angesehen waren. Es wird angenommen, dass sie als Bindeglied zwischen Männern und Frauen fungierten und als Mediatoren. Aufgrund ihrer Fähigkeit männliche und weibliche Arbeiten auszuführen wurden sie vermutlich besonders verehrt und als heilig angesehen.


In den Mythen dieser indigenen Völker wurden die alternativen Geschlechter als eigene Kategorie bei der Entstehung der Menschen oder als wichtige mythische Wesen dargestellt.


Auch hier hat die Kolonialisierung und Missionierung zu einer Abkehr vom System mehrerer Geschlechter geführt. Die dritten und vierten Geschlechter wurden vom Christentum als „Sodomiten“ bezeichnet, was als Rechtfertigung für Gewalt und Zwangsmissionierung genutzt wurde.


Burrnesha


Die Burrnesha oder auch „eingeschworene Jungfrau“ bezeichnet im Balkan eine Frau, die die Rolle eines Mannes übernimmt und dabei auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder verzichtet. Sie legt einen Schwur ab und wird ab diesem Zeitpunkt als Mann behandelt. Burrnesha tragen Männerkleidung und Waffen, können männliche Berufe ergreifen, z.B. beim Militär und auf dem Bau und können die Position des Familienoberhaupts übernehmen.


Auch hier handelt es sich jedoch nicht um ein tatsächliches drittes Geschlecht. Gründe eine Burrnesha zu werden hatten häufig nichts mit einer Trans-Identifizierung zu tun. Frauen wurden Burrnesha, um einer arrangierten Ehe zu entgehen, um ihre Familie zu schützen, wenn es kein männliches Familienoberhaupt gab, oder einfach um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, was als Frau nicht möglich war.


Durch die Veränderung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in den Balkan-Ländern ist die Tradition der Burrnesha kurz vor ihrem Ende. Gab es 2010 noch einige Dutzend, konnten 2017 von einer Forscherin nur noch 24 in Tropoja, Shkodra und Tirana identifiziert werden. Heutzutage entscheiden sich keine Frauen mehr für den Weg der Burrnesha.


Fa'afafine / Fakaleiti / Māhū


All diese Begriffe bezeichnen biologisch männliche Personen, die eine weibliche Geschlechterrolle annehmen. Sie werden als eigenständiges soziales Geschlecht behandelt und von Familie und Gemeinschaft unterstützt und akzeptiert. Hierbei ist das zentrale Merkmal die Übernahme von weiblichen Aufgaben und Verhaltensweisen, nicht die sexuelle Orientierung. Der Begriff Fa'afafine wird in Samoa benutzt, der Begriff Fakaleiti in Tonka und der Begriff Māhū in Hawaii und Tahiti.


Abweichend von dieser traditionellen Bedeutung kann der Begriff Māhū heute für eine Vielzahl von Gendern und sexuellen Orientierungen benutzt werden.



Mir ist bewusst, dass diese Aufzählung nicht vollständig ist und natürlich könnte man zu jedem Absatz noch viel mehr schreiben, dennoch will ich es erstmal dabei belassen. Solltet ihr zu einem Teil dieses Artikels mehr wissen wollen, dann schreibt mir das gerne in die Kommentare.

 
 
 

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