Konversionstherapien
- weberwaldweiler
- 21. Dez. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Heute möchte ich über ein Thema schreiben, von dem man glauben könnte, dass es sich in einer längst vergangenen dunklen Epoche der Geschichte abgespielt hat. Leider stimmt das nicht, denn die so genannten Konversionstherapien oder auch Reparativtherapien finden bis heute statt und richten großen Schaden an.
Was sind Konversionstherapien?
Wie der Name bereits sagt, soll eine Konversion – also eine Umwandlung stattfinden. In Konversionstherapien wird versucht Menschen von ihrer nicht-heteronormativen sexuellen Orientierung oder ihrer nicht-cis-Geschlechtsidentifikation zu „heilen“. Abweichungen werden als Störungen angesehen, die unnatürlich sind und daher wie psychische Krankheiten behandelt werden müssen. Früher ging es dabei meist um die Homosexualität, die so „geheilt“ werden sollte. Noch drastischer ist der Begriff „Reparativtherapie“, der andeutet, dass diese Menschen „repariert“ werden müssen. Obwohl die Wissenschaft eindeutig festgestellt hat, dass es sich bei der Homosexualität nicht um eine psychische Störung handelt, diese 1992 auch endgültig aus dem ICD (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) gestrichen wurde, betrachten zahlreiche religiöse Gruppen diese weiterhin als behandlungsbedürftige Krankheit. Vor allem die evangelikale Bewegung ist hier sehr aktiv und fördert solche „Therapien“ bis heute, obwohl 2018 sogar der Vatikan offiziell klargestellt hat, dass Homosexualität keine Krankheit ist und Konversionstherapien nicht befürwortet werden.
Die Durchführung solcher Maßnahmen wird von zahlreichen gesellschaftlichen Gruppierungen, medizinischen Fachverbänden, Psychologen und Psychiatern als falsch und gefährlich angesehen. Dem entsprechend wurde 2020 in Deutschland das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen erlassen. Es verbietet Konversionstherapien bei Minderjährigen und bei Erwachsenen, die einem Willensmangel unterliegen (z.B. wenn sie getäuscht werden, durch Irrtum, Zwang oder Drohung) und stellt sie unter Strafe. Auch das öffentliche Werben und Anbieten von Konversionstherapien wurde damit verboten.
Dennoch gibt es auch in Deutschland heute noch Gruppierungen, die solche Behandlungen anbieten, auch wenn sie diese unter Decknamen verschleiern. So ist in der Regel nicht mehr von einer Konversions- oder Reparativtherapie die Rede, sondern es werden Angebote gemacht, die bei „Konflikten in der sexuellen Orientierung oder in der Geschlechtsidentität“ helfen sollen. Weitere Beispiele für solche verschleierten Angebote sind „Selbsthilfe bei gleichgeschlechtlichen Neigungen“, „Reorientierungstherapie“, „Hilfe zur Veränderung“, „Hilfe bei ichdystoner Sexualorientierung“, usw. Oft wird behauptet, dass es sich bei dem entsprechenden Angebot gar nicht um eine Behandlung oder Therapie handelt, sondern einfach um Seelsorge, ein Gespräch oder eine Beratung. Ging es früher hauptsächlich um die Homosexualität, liegt der Schwerpunkt heute eher auf Menschen, die sich als nicht-cis*Personen identifizieren.
Warum sind solche Therapien gefährlich und wurden verboten?
Abgesehen von drastischen Umerziehungsmethoden, wie sie vor allem aus Amerika bekannt sind, bei denen Homosexuelle mit Elektroschocks „behandelt“ wurden, um sie zu heilen, oder auch mit Psychopharmaka, sind auch die vermeintlich harmlosen Gesprächstherapien und Gebetsheilungen als sehr gefährlich einzustufen.
In einer Konversionstherapie wird versucht die Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung eines Menschen zu ändern, dies ist jedoch schlicht nicht möglich. Während der Behandlung wird vermittelt, dass nur Heterosexualität und cis-Identität normal sind und man nur als heterosexuelle cis-Person glücklich sein kann. Abweichungen hiervon werden auf eine Kombination von Veranlagung und verschiedenen komplexen Lebenserfahrungen in der Kindheit und Jugend zurückgeführt. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass hier Menschen, die ohnehin Schwierigkeiten haben sich so anzuerkennen, wie sie nun einmal sind, auch noch zusätzlich eingetrichtert bekommen, dass sie tatsächlich nicht „normal“ sind. Statt Menschen darin zu unterstützen sich selbst so zu lieben, wie sie sind, werden sie unter Druck gesetzt daran zu arbeiten „normal“ zu werden. Da man aber seine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht willentlich beeinflussen kann, führt dies entweder zu dem Versuch sie zu unterdrücken oder zu großer Scham, weil man dies nicht schafft. Folgen können Ängste, Depressionen, Isolation bis hin zum Suizid sein.
Besonders Personen, die aus einem streng religiösen Umfeld kommen, in dem ihnen vermittelt wird, dass Homosexualität eine Sünde ist und, dass Gott sie als Mann oder Frau geschaffen hat und sie deswegen auch so leben müssen, sind für diese Behandlungen anfällig, da sie sich selbst bereits als „unnormal“ und „sündig“ ansehen. Nicht selten bekommen sie auch von ihrem Umfeld vermittelt, dass sie Hilfe brauchen. Es folgt oft ein jahrelanger Kampf gegen die eigene Identität / Orientierung, der zum Scheitern verurteilt ist. Die Hoffnung durch eine solche Behandlung „geheilt“ zu werden ist groß und dem entsprechend die Verzweiflung noch größer, wenn die Erkenntnis eintritt, dass man nicht geheilt werden kann. Der Druck wird zusätzlich erhöht, durch die Gefahr aus der Gemeinschaft und / oder Familie ausgeschlossen zu werden, wenn man sich zu seiner sexuellen Orientierung oder seiner Geschlechtsidentität bekennt.
Im Internet findet man zahlreiche Geschichten von Menschen, die sich solchen Therapien unterzogen haben, mit teilweise wirklich erschreckenden Folgen, aber auch einem eindeutigen Fazit: Wirklich glücklich geworden sind diese Menschen erst, als sie lernten ihre sexuelle Orientierung / ihre Geschlechtsidentität anzuerkennen und aufhörten dagegen anzukämpfen.
Bekannte Vertreter der Konversionstherapien in Deutschland waren z.B. Wüstenstrom, eine evangelikale christliche Organisation in Tamm, Baden-Württemberg. 2018 wurde Wüstenstrom umbenannt in das Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung (IdiSB), auf deren Homepage man heutzutage den Hinweis findet, dass sie seit einigen Jahren jede Form der Konversionsbehandlung im Bereich sexueller Orientierung ablehnen. Zum Bereich der Geschlechtsidentität wird hier nicht explizit Stellung genommen, doch man braucht sich nur ein bisschen auf der Seite umzugucken. So finden sich hier Sätze wie: „Unstrittig ist, sagt die Biologie, dass der Mensch als biologisch weiblich oder männlich geboren wird.“ Wer meine früheren Blogeinträge gelesen hat, weiß, dass das so nicht ganz richtig ist. Weiter findet sich folgende Aussage: „Da es aber derzeit keinen genetischen Beleg gibt, dass die emotionale und kognitive Einstellung zum biologischen Geschlechtskörper angeboren sei, ist es unhaltbar, davon zu sprechen, ein Mensch sei im falschen Körper geboren.“ Diese Aussage widerspricht eindeutig dem aktuellen Wissensstand, nach dem die Transidentität eine angeborene Variante der geschlechtlichen Identität von Menschen ist, bei der die Geschlechtsidentität nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Es wird geschätzt, dass etwa zwei bis drei Prozent der Kinder und Jugendlichen davon überzeugt sind, im falschen Körper geboren zu sein. Teilweise kann dieses Bewusstsein bereits im Alter von zwei bis drei Jahren einsetzen. Erst vor Kurzem konnte ich mich mit einer betroffenen Person unterhalten. Dieser als biologisches Mädchen geborene Mann erzählte mir, dass er bereits als kleines Kind von 3 Jahren jeden Abend gebetet hat, dass er am nächsten Morgen als Junge aufwacht. Aber auch andere Sätze auf der Internetseite des IdiSB, die dezenter sind, lassen einen aufhorchen. So wird davon gesprochen, dass sich Kinder und Jugendliche mit ihrem biologischen Geschlecht „versöhnen“ und dass eine Frau, die einige Zeit als Mann gelebt hat zu ihrem Frausein „zurückgefunden“ hat. Bei weiterer Recherche findet man unter anderem die These, dass z.B. das Verhalten der Mutter Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität eines Kindes hat.
Aus dem IdiSB ist auch die so genannte „Bruderschaft des Weges“ hervorgegangen, die sich selbst als eine Gemeinschaft von Männern beschreibt, die ihre Sexualität konflikthaft erleben. So findet sich auf der Startseite der Satz: „Aus eigener Einsicht oder aus Gründen unseres christlichen Glaubens wollen wir unsere individuell konflikthaft empfundene Sexualität daher nicht leben.“ Noch deutlicher wird der tatsächliche ideologische Hintergrund in diesem Satz: „Wir sind Männer, die eine Vision haben: Wir wollen dem Bild und Gleichnis ähnlicher werden, das Gott in uns gelegt hat.“ Mit anderen Worten: Homosexualität ist nicht von Gott gewollt und um dem Gott gewollten Bildnis ähnlicher zu werden, darf man sie nicht ausleben.
Eine weitere Organisation, die in Deutschland mit Konversionstherapien in Verbindung gebracht wird, ist das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft, das Teil der Offensive Junger Christen ist. Besucht man deren Internetauftritt wird das Bild noch viel deutlicher und drastischer. So findet man hier die Aussage: „Es gibt nur zwei Geschlechter, männlich und weiblich, Mann und Frau.“ Des weiteren wird auch vom „LGBTIQ-Narrativ“ gesprochen. Das Wort Narrativ wird hier bewusst eingesetzt, um den Anschein zu erwecken, dass es sich dabei um nicht bewiesene Erzählungen handelt, die zu hinterfragen sind. Und als mögliche Einflussfaktoren für eine Transidentifikation werden psychiatrische Vorerkrankungen, Autismus, ADHS, Traumata, Internet und soziale Ansteckung genannt. Als Fazit wird hier festgestellt: „Kinder und Jugendliche, die sich als transgender identifizieren, verdienen es, ernst genommen zu werden, sie verdienen es aber auch, dass man ihnen die Wahrheit sagt. Ein echter Geschlechtswechsel ist nicht möglich. Die Transition führt zu irreversiblen Schäden und häufig zu irreversibler Infertilität. Nach allem, was wir wissen, kann sie die Ängste, Depressionen und Suizidalität der Betroffenen nicht lindern. Vielmehr zementiert sie die Überzeugung, dass die Zerrissenheit zwischen Körper und Psyche nie heilen kann.“ Hier findet man auch die „Erfolgsgeschichte“ einer Frau, die sich ihr Leben lang sicher war ein Mann zu sein und durch die „Therapie“ erkannt hat, dass sie in Wahrheit aufgrund verschiedener Ereignisse in ihrem Leben Frauen und alles Weibliche hasst und damit auch das Weibliche an sich selbst.
Vermutlich gibt es noch zahlreiche weitere Anbieter solcher „Therapien“. Wichtig zu erwähnen ist, dass immer betont wird, dass die Therapie ergebnisoffen durchgeführt wird und die Entscheidung, wie mit dem Problem umgegangen wird letztlich beim Patienten liegt. Es soll hier der Anschein erweckt werden, dass es gar nicht darum geht Menschen von ihrer Transidentifikation / ihrer sexuellen Orientierung zu „heilen“, sondern lediglich versucht wird, ihnen zu helfen ihren eigenen Weg damit zu finden. Doch ist das wirklich so? Als Psychologin weiß ich sehr gut um die Macht eines Therapeuten mit Hilfe unterschwelliger Botschaften Ideen, Gedanken und sogar falsche Erinnerungen in einem Menschen hervorzurufen. Besonders gut klappt das bei Menschen, die angreifbar sind, weil sie auf der Suche nach einer Ursache für ihre Probleme und nach einer Lösung dafür sind. Und genau um solche Menschen handelt es sich hier.
Natürlich kann ich nicht aus eigener Erfahrung über die Therapien und Beratungen dieser Organisationen berichten. Ich habe mir lediglich die Internetauftritte angesehen und bin dabei über die ein oder andere Formulierung gestolpert, bei der meine Alarmglocken angeschlagen haben.
Doch was tun, wenn man Probleme damit hat seine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität anzunehmen, wenn man Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt ist? Natürlich sollte man sich Hilfe suchen, und ja, eine Therapie ist definitiv empfehlenswert. Doch eine wirklich hilfreiche Therapie wird nicht versuchen dich „normal“ zu machen, sondern dich so zu akzeptieren und zu lieben, wie du bist. Achte auf dein Bauchgefühl und lass dich nicht von angeblichen Erfolgsgeschichten; Erfahrungen oder pseudo-wissenschaftlichen Belegen blenden. Es gibt zahlreiche Beratungsstellen und Therapeuten, online und offline und auch telefonisch, die nach anerkannten Methoden arbeiten und wirklich dein Wohl im Sinn haben.








Kommentare