Intersexualität und Sport
- weberwaldweiler
- 1. Feb. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Heute möchte ich mich mit einem sehr kontrovers diskutierten Thema beschäftigen, für das bis heute keine gute Lösung gefunden wurde: Wie geht man mit intersexuellen Menschen im Leistungssport um?
Wie ihr in meinem zweiten Artikel: Das biologische Geschlecht nachlesen könnt, ist das Geschlecht intersexueller Menschen nicht (eindeutig) in die Kategorien „weiblich“ oder „männlich“ einteilbar. Es gibt verschiedene Varianten und Mischformen, mit unterschiedlichster Ausprägung. In den letzten Jahren wurde diese Tatsache immer bekannter, auch weil sich intergeschlechtliche Menschen gegen die lange vorherrschende Diskriminierung und zwangsweise Kategorisierung in eines der beiden traditionell anerkannten Geschlechter öffentlich zur Wehr setzen.
Diese erhöhte Sichtbarkeit intergeschlechtlicher Menschen führte jedoch im Sport zu immer mehr, teilweise herabwürdigenden, öffentlichen Diskussionen, um das Geschlecht einzelner Sportler*innen. Hintergrund ist die im Sport übliche Aufteilung der Sportler*innen in Männer und Frauen. Als Grund für diese Einteilung wird die Fairness angeführt, da biologische Männer biologischen Frauen in vielen sportlich ausschlaggebenden körperlichen Eigenschaften überlegen sind. So weisen sie eine größere Muskelmasse auf, haben einen höheren Testosteronspiegel, was ihnen größere Schnelligkeit und Stärke ermöglicht und sind häufig größer. Es wird davon ausgegangen, dass ein Mann, der an einem Frauenwettbewerb teilnimmt einen unfairen Vorteil hat.
Die Diskussion um Sportler*innen, die angeblich fälschlicherweise an Frauenwettbewerben teilnehmen ist nicht neu. So war es bis in die 60er-Jahre bei internationalen Wettbewerben üblich, dass sich Frauen Geschlechts-Tests unterziehen mussten. Hierbei wurden sie aufgefordert sich nackt auszuziehen und mussten vor Ärzten auf und ab gehen oder sich gynäkologisch untersuchen lassen. Anhand der äußeren Geschlechtsmerkmale wurde eingeteilt nach Männern und Frauen. Diese demütigenden „nude parades“ wurden nach vielen Protesten durch den so genannten „Barr“-Test abgelöst. Hierbei wurde ein Wangenabstrich gemacht und eine Chromosomenanalyse durchgeführt. Die Einteilung erfolgte nun nach Chromosomen: Personen mit zwei X-Chromosomen zu den Frauen, Personen mit einem X und einem Y-Chromosom zu den Männern.
Wer meinen Artikel über das biologische Geschlecht gelesen hat, wird jetzt schon wissen: diese Einteilungsmethoden sind sehr fehleranfällig. So gibt es z.B. Personen, die Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter aufweisen, eine optische Einteilung wäre da nicht möglich. Auch bei den Chromosomen gibt es viele Varianten, so gibt es z.B. Personen mit XXY-Chromosomen, ebenso Personen mit nur einem X Chromosom.
Heute wird meist der Testosterongehalt im Blut gemessen und ab einem bestimmten Grenzwert wird Personen verboten an Frauenwettbewerben teilzunehmen, oder es wird ihnen nahegelegt, bereits Monate vor dem Wettbewerb testosteronsenkende Mittel einzunehmen.
Kurioserweise ist jedoch überhaupt nicht ausreichend erforscht, welche Auswirkungen ein erhöhter Testosteronspiegel auf die sportlichen Leistungen tatsächlich hat. Zwar ist bekannt, dass ein erhöhter Testosteronspiegel beim Aufbau neuer Muskelfasern hilft, die Produktion von neuen Blutzellen anregt, so dass das Blut mehr Sauerstoff aufnehmen kann und darüber hinaus die Bildung von Fettgewebe reduziert oder sogar unterdrückt. Eine positive Auswirkung auf Sportler*innen, die Muskeln und Schnelligkeit benötigen ist daher unumstritten, was Testosteron auch zu einem beliebten Dopingmittel macht. Aber es gibt auch Sportarten, in denen es gar nicht auf diese Dinge ankommt. Darüber hinaus heißt ein erhöhter Testosteronspiegel nicht, dass die betroffene Person auch tatsächlich davon profitiert, da es Personen gibt, die gegen Testosteron quasi „immun“ sind, weil sie keine Andockstationen für Testosteron haben. Das heißt, das Testosteron ist zwar im Körper vorhanden, bewirkt aber nichts.
Besonders kritisch ist hier auch anzumerken, dass es noch kaum erforscht ist, welche Neben- und Langzeitwirkungen testosteronsenkende Mittel insbesondere bei intersexuellen Menschen haben. Von intersexuellen Personen zu verlangen, dass sie solche Mittel nehmen, macht sie zu Versuchspersonen eines Experiments, bei dem der Ausgang ungewiss ist. Ist die aktuell gültige Methode der Einteilung also wirklich sinnvoll?
Bei der Beantwortung dieser Frage darf man eine Sache nicht außer Acht lassen: auch innerhalb der Kategorien „Männersport“ und „Frauensport“ haben manche Personen anderen gegenüber Vorteile. Wie sonst wäre zu erklären, dass es fast in jeder Sportart zu fast jeder Zeit Menschen gibt, die dominierend sind. Und nicht selten ist diese Dominanz ein Resultat der besonderen körperlichen Eigenschaften dieser Menschen. So hat der Schwimmer Michael Phelps besonders lange Arme und große Hände – ein offensichtlicher Vorteil in einem Schwimmwettbewerb. Viele Profibasketballer haben eine chromosomale Besonderheit, die dazu führt, dass sie besonders groß werden. Dennoch werden diese Besonderheiten nicht als unfair angesehen. Und was ist mit den ganz normalen Unterschieden im Testosteronspiegel, die es auch innerhalb der Kategorien gibt? Ist es nicht genauso unfair, wenn ein Mann mit einem für Männer niedrigen Testosteronspiegel am selben Wettbewerb teilnehmen muss, wie einer mit einem für Männer hohen Testosteronspiegel?
Oder noch allgemeiner: Geht es beim Sport nicht eigentlich genau darum, die eigenen körperlichen Besonderheiten zu nutzen, um zu gewinnen? Wenn alle Profisportler einer Kategorie die gleichen körperlichen Voraussetzungen hätten, würde mal der, mal der gewinnen, da man davon ausgehen kann, dass sich der Trainingsaufwand nicht wesentlich unterscheidet. Und doch feiern wir Sport-Superstars wie Michael Phelps, weil er immer wieder gewonnen hat und lassen völlig außen vor, dass es sein Körperbau ist, der ihm dies ermöglichte. Etwas, das ihm von der Natur so mitgegeben worden ist, worauf er keinen Einfluss hatte und was den Sieg für andere, bei ansonsten gleichen Ausgangsbedingungen, unerreichbar machte.
Besonders wichtig ist mir aber vor allem dieser Aspekt: Die Art und Weise, wie mit Sportlerinnen umgegangen wird, bei denen aus irgendwelchen Gründen der Verdacht aufgekommen ist, sie seien keine Frauen ist übergriffig und herabwürdigend.
Ein aktuelles Beispiel ist die Boxerin Imane Khelif, die 2024 in Paris die Goldmedaille gewann. Sie war im Vorfeld von den Boxweltmeisterschaften der Frauen 2023, nach einem umstrittenen Geschlechtstest (der sich noch auf die Chromosomenbestimmung stützt), vom Boxverband IBA disqualifiziert worden. Das IOC hatte diesem Verband wegen Vorwürfen der Korruption und finanzieller Intransparenz bereits die Anerkennung entzogen, Imane durfte daher an den olympischen Spielen teilnehmen. Dennoch führte ihr schneller Sieg über eine italienische Gegnerin vor dem Hintergrund dieser umstrittenen Disqualifikation zu öffentlichen Diskussionen darüber, ob sie ein Mann sei. Sogar Personen des öffentlichen Interesses ließen sich dazu herab, ihre Teilnahme als unfair zu bezeichnen, ohne die Fakten genau zu kennen. Unter anderem Elon Musk und J.K. Rowling posteten nach dem Kampf Kommentare, in denen sie Imane als Mann bezeichneten, der im Frauensport nichts zu suchen hat. Rowling stellte den Kampf sogar als durch Sportverbände geschützte Gewalt von Männern an Frauen dar. Man stelle sich einmal vor, was diese Diskussion mit einer Frau macht, die ihr Leben lang als Frau gelebt und geboxt hat. Und der verzweifelte Versuch ihres Vaters, mit Hilfe der Geburtsurkunde zu beweisen, dass Imane als Frau geboren wurde, wurde als Fälschung bezeichnet aufgrund des Ausstellungsdatums 2018. Dabei ist es absolut üblich, sich eine Geburtsurkunde erst dann ausstellen zu lassen, wenn man sie benötigt.
Und Imane Khelif ist nicht die einzige Frau, die dieser Diskriminierung und Herabwürdigung ausgesetzt ist / war. Sie selbst hat die Debatte als Mobbing bezeichnet und hat Klage eingereicht, gegen die Personen, die an dem Cybermobbing beteiligt waren.
Wie weitreichend die Folgen einer solchen Debatte für die betroffenen Personen sein kann zeigt sich, wenn man sich die Geschichte der indischen Mittelstreckenläuferin Santhi Soundarajan ansieht. Santhi gewann im Dezember 2006 die Silbermedaille bei den Asienspielen, die ihr jedoch kurz danach aberkannt wurde, weil sie in einem Geschlechtsbestimmungstest nicht als Frau klassifiziert wurde. Santhi hat eine Störung, die als Hyperandrogenismus bezeichnet wird, ihr Körper produziert ein Übermaß an männlichen Hormonen. Doch führte diese Störung bei Santhi nicht nur zur Aberkennung der Medaille, sondern auch zu Beschimpfungen und Ächtung durch ihr Umfeld. Darüber hinaus wurde sie von ihrer Arbeitsstelle bei der Polizei entlassen, wegen angeblich uneindeutiger Geschlechtszugehörigkeit. All dies führte dazu, dass Santhi im September 2007 sogar einen Suizidversuch unternahm.
Doch was ist nun die Lösung? Ich behaupte nicht, dass ich die Lösung kenne, ich kann lediglich berichten, was derzeit als Lösung diskutiert wird. So gibt es Vorschläge, neben den Frauen- und Männerwettkämpfen auch Wettkämpfe für intergeschlechtliche Sportler*innen anzubieten. Außerdem werden immer mehr Mixed-Wettbewerbe ins Leben gerufen. Was sich letztlich aber durchsetzen wird, kann man noch nicht absehen. Es ist jedoch wichtig, dass die Diskussion um einen „fairen“ sportlichen Wettkampf nicht auf dem Rücken einzelner Personen ausgeführt wird, die eventuell sogar, aufgrund ihrer körperlichen Besonderheiten, sowieso schon Ziel von Diskriminierung und Ausgrenzung sind.








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