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Ich hab doch keine Vorurteile - oder?

Heute möchte ich über Vorurteile reden. Und zuallererst mal eine Beruhigung: Jeder hat Vorurteile und das ist tatsächlich auch gut so. Vorurteile sind nämlich nichts anderes als vereinfachte Schemata. Was das bedeutet? Nun wir sehen z.B. einen Tisch mit 4 Beinen und einer Holzplatte und wissen, dass das ein Tisch ist. Aber auch bei einem Tisch mit Glasplatte und 3 Beinen würden wir darin immer noch einen Tisch erkennen. Das heißt unser Gehirn hat in unserer Erinnerung ein Schema für den Begriff Tisch angelegt, der uns ermöglicht auch Tische mit unterschiedlichem Aussehen als Tisch zu erkennen, bzw. diese Gegenstände der Oberkategorie Tisch zuzuordnen. Stellt euch mal vor, unser Gehirn würde das nicht machen: Wir müssten bei jedem Tisch, der anders aussieht als der, den wir vorher gesehen haben, erst einmal lernen, wofür das Ding gut ist und darüber hinaus müsste unser Gehirn bei jedem neuen Tisch, den wir sehen eine neue Erinnerung anlegen, dass etwas, das genau so aussieht ein Tisch ist! Und dann überlegt euch noch, dass das ja nicht nur für Tische so wäre, sondern auch für alle anderen Gegenstände und Lebewesen. Ich denke damit ist klar, dass diese Einteilung in Oberschemata für uns sehr wichtig ist.

 

Doch was bedeutet das in Bezug auf andere Menschen? Nun wir bilden auch für Menschen Schemata. Da gibt es zunächst einmal das ganz allgemeine Schema Mensch, aber darüber hinaus auch Unterkategorien, wie z.B. Männer, Frauen, Erwachsene, Kinder, usw. Und damit wir in der Lage sind, auch unterschiedlichste Varianten der einzelnen „Menschenarten“ der korrekten Kategorie zuzuteilen, erstellt unser Gehirn quasi ein grob vereinfachtes Modell für diese Art Mensch. Wie dieses Modell aussieht, hängt dabei davon ab, welche Eigenschaften und Merkmale wir mit dieser Art Mensch verbinden. Dies hängt wiederum zum einen von unseren persönlichen Erfahrungen ab, aber auch von gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen und der Erziehung. Hier wird auch schon klar, dass das System fehleranfällig ist. Zunächst einmal ist jeder Mensch einzigartig, ein Schema wird keinem Menschen jemals völlig gerecht werden. Zum anderen sind unsere Schemata so stark durch unsere eigenen Erfahrungen und die Schemata unserer direkten Mitmenschen geprägt, dass Fehler vorprogrammiert sind. Schließlich hat keiner von uns die Möglichkeit mit allen möglichen Arten von Menschen Erfahrungen zu sammeln.

 

Ein weiterer Aspekt spielt hierbei eine große Rolle: unsere eigene Identität und welchem Schema wir uns selbst zugehörig fühlen. Den Menschen unserer eigenen Kategorie fühlen wir uns verbunden, wir sehen bei diesen Menschen vor allem die Gemeinsamkeiten mit uns und es entsteht der In-Group vs. Out-Group Effekt. Automatisch werden die Eigenschaften der Menschen unserer In-Group als besser eingestuft und die entgegengesetzten Eigenschaften der Out-Group als schlechter. Das ist keine bewusste Entscheidung, es ist einfach ein Mechanismus, der unseren Selbstwert stärken soll und uns darüber hinaus die Sicherheit eines starken sozialen Netzes verschaffen soll. Menschen sind Herdentiere und wir brauchen andere Menschen zum Überleben. Wie sichern wir uns die Unterstützung anderer Menschen? Wir bauen Beziehungen auf und suchen dazu nach Gemeinsamkeiten. Küchenpsychologisch könnte man sagen: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

 

Wie führt das jetzt zu Vorurteilen? Dazu möchte ich euch gerne ein paar Beispiele nennen, die aus meiner eigenen Erfahrung stammen, also Vorurteile, von denen ich (manchmal mit Erschrecken) erkannt habe, dass ich sie habe. Um die Beispiele besser zu verstehen, muss ich euch erst ein paar Dinge zu meinem Leben erklären. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in einem kleinen katholischen Dorf gelebt. Meine Eltern haben immer eine „traditionelle“ Ehe geführt, das heißt, mein Vater ging arbeiten und meine Mutter hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert. Da meine Mutter Amerikanerin ist und ich in Amerika geboren wurde, war meine Familie im Vergleich zu anderen Familien im Dorf immer eher offen und ich war mir immer sicher, dass ich gegenüber Menschen aus anderen Ländern keine Vorurteile habe – ich war schließlich selbst einer.

 

Nun fing ich im Jahr 2018 an, regelmäßig mit dem Zug zu fahren, war dem entsprechend auch oft an Bahnhöfen und in Bahnhofsvierteln unterwegs. Hier wurde ich damit konfrontiert plötzlich von sehr vielen Menschen umgeben zu sein, die eine andere Sprache sprachen, anders aussahen, auf mich fremd wirkten. Und ich merkte zu meinem Entsetzen, dass ich mich dadurch verunsichert fühlte, wenn nicht sogar ein wenig Angst hatte. Ich hatte also doch Vorurteile gegenüber Ausländern. Wie konnte das sein? Als ich mehr darüber nachdachte, wurde mir klar, dass ich in meinem alltäglichen Leben bis dahin so selten in Kontakt mit ausländischen Mitbürgern gekommen war, dass ich keine Gelegenheit gehabt hatte, eigene Erfahrungen zu machen. Und so war mir diese „Art Mensch“ völlig fremd. Ich nahm vor allem die Unterschiede zu mir wahr und platzierte diese Menschen automatisch in der Out-Group. Ein Schutzmechanismus, wir Menschen neigen dazu Fremdes zunächst einmal mit Vorsicht zu betrachten, da wir ja nicht wissen können, ob es gefährlich ist oder nicht. Mit der Zeit legte sich dieses Gefühl und inzwischen merke ich nicht einmal mehr, ob mehr deutschsprachige oder mehr ausländischsprachige Menschen um mich rum sind.

 

Ein weiteres Beispiel aus meinem Leben bezieht sich auf die Wahrnehmung von schwulen Männern. Als ich ein Kind war, gab es in unserem Dorf einen jungen Mann, von dem hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde, dass er schwul ist. Es wurde gelästert und getuschelt und über ihn gelacht. Als Folge dessen, ließ sich dieser junge Mann fast nie in der Öffentlichkeit sehen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind völlig fasziniert von diesem Menschen war und ihn genau wie alle anderen anstarrte, wenn er doch mal rauskam. Furchtbar, ich weiß, doch zu dieser Zeit war in unserem kleinen Dorf das Thema Homosexualität noch ein Tabuthema und es war fast unmöglich Erfahrungen mit homosexuellen Menschen zu sammeln, wodurch sie automatisch zu fremdartigen Wesen wurden, die mit mir selbst nichts zu tun hatten. Natürlich bin ich vermutlich auch in dieser Zeit homosexuellen Menschen begegnet von denen ich nicht wusste, dass sie homosexuell sind und die sind mir natürlich gar nicht aufgefallen. Erst die Stigmatisierung durch die Dorfgemeinschaft und die folgende Isolierung der Person führte zu dieser Wahrnehmung von Fremdartigkeit. Erst im Laufe der Zeit und mit der zunehmenden Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft und vor allem der stärkeren Sichtbarkeit, wurde mir klar, wie falsch mein Verhalten damals war. Wenn man sich anschaut, wie genau dieser Wandel der Einstellung vonstatten ging, könnte man sagen, dass ich früher nur die Dinge wahrgenommen habe, die anders sind als bei mir, während ich heute vorrangig die Dinge sehe, die gleich sind wie bei mir. Ich habe also eine Verschiebung dieser Personen von der Out-Group in die In-Group vorgenommen, was in meinem Fall vor allem auf positive Beziehungen zu homosexuellen Menschen zurückzuführen ist.

 

Ein Beispiel, dass einige von euch wahrscheinlich selbst nachvollziehen können, ist die Wahrnehmung des/der ehemaligen DSDS-Teilnehmer*in Daniel Küblböck / Lana Kaiser (Daniel war transgeschlechtlich und nahm später den Namen Lana Kaiser an). Wenn ich heute darauf zurückschaue, wie damals in den Medien und in der Öffentlichkeit mit diesem Menschen umgegangen wurde, dann empfinde ich das nur noch als grausam. Doch ich erinnere mich noch ganz genau, dass ich es damals als furchtbar empfand, dass Daniel/Lana eine Runde nach der anderen weiterkam und wie unerträglich ich das Auftreten und die Kleidung fand. Ich kann auch nicht ausschließen, dass ich mich damals über Daniel/Lana lächerlich gemacht habe. Hier sehe ich meine Erziehung als ausschlaggebend für meine Vorurteile an. Ich bin damit aufgewachsen, mir ständig Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken könnten. Dies betraf die Kleidung, das Verhalten, die Sprache, einfach alles. Und die meisten in meinem sozialen Umfeld waren genauso aufgewachsen. Und hier kam nun jemand, der sich kein bisschen dafür interessierte, was andere denken. Ich glaube heute, dass ich einfach neidisch war. Ich hätte mich das nie getraut.

 

Was haben nun alle diese Beispiele gemeinsam? Sie beziehen sich auf Personengruppen, mit denen ich wenig Erfahrung hatte und die sich in verschiedenen wesentlichen Merkmalen von den Menschen unterschieden, mit denen ich tagtäglich Kontakt hatte und mit denen ich aufgewachsen war. Und hier ist auch der Ansatzpunkt, wenn man aktiv darauf hinarbeiten will, Vorurteile zu verringern. Gerade Menschen, die nicht dem Prototyp Mensch, den wir in unserem Gehirn abgespeichert haben, entsprechen, müssen sichtbarer werden und wir dürfen Begegnungen mit ihnen nicht aus dem Weg gehen. Ein Weg dazu sind die Medien. Hier hat es gerade in Bezug auf schwule Männer in den letzten Jahren eine sehr positive Tendenz gegeben. Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, als ich in einer Serie gesehen habe, wie sich zwei Männer küssten. Ich fand das damals noch echt seltsam. Inzwischen ist es für mich ganz normal geworden, dass sich in Serien und Filmen auch mal zwei Männer küssen und entsprechend fällt es mir auch im Alltag nicht mehr wirklich auf. Und ich kann jetzt guten Gewissens sagen, dass ich zumindest in Bezug auf Homosexualität meine Vorurteile größtenteils abbauen konnte. Wünschenswert wäre, dass sich dieser Trend auch auf andere Personengruppen ausweitet, und in den Medien verstärkt alle Arten von Menschen und Lebensstilen ganz selbstverständlich repräsentiert werden würden.

 

Zum Abschluss will ich noch auf ein Vorurteil eingehen, dass in unserer Gesellschaft ebenfalls weit verbreitet ist und dazu führt, dass Opfer eines Verbrechens von der Gesellschaft erneut zum Opfer gemacht werden. Die Sprache ist vom so genannten Victim Blaming. Auch hier möchte ich ein persönliches Beispiel nennen. Vor einiger Zeit wurden gegen die Band Rammstein Vorwürfe erhoben, sie seien gegenüber weiblichen Fans sexuell übergriffig geworden. Es soll hier nicht darum gehen, ob die Vorwürfe wahr sind oder nicht, sondern nur um meine Gedanken zu der öffentlichen Diskussion diesbezüglich. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen hieß es unter anderem, weibliche Fans seien zu Backstage-Besuchen eingeladen worden und hierfür aufgefordert worden sich sexy anzuziehen, bei den Besuchen sei es dann zu sexuellen Übergriffen gekommen. Und, so unangenehm es mir ist dies zuzugeben, auch mein erster Gedanke war: „Ja, was haben die Mädels denn gedacht, warum sie sich so anziehen sollen? Das war doch klar, dass sowas passiert.“ Was habe ich hier getan? Ich habe die Schuld für die Übergriffe den weiblichen Fans zugeschoben aus dem einzigen Grund, dass sie der Aufforderung sich sexy anzuziehen nachgekommen sind, und erwartet haben, dass sie unversehrt aus dem Backstagebereich zurückkommen werden. Und ein solches Denken findet sich leider bei sexuellen Übergriffen immer wieder. Sätze wie „Warum hatte sie auch so einen kurzen Rock an?“ „Warum läuft sie auch allein durch diese Gegend nachts?“ sind an der Tagesordnung. Die Gründe für diese Denkweise sind einfach und einleuchtend: Wenn das Opfer mit schuld war, dann kann ich für mich persönlich verhindern, dass mir etwas Ähnliches passiert, indem ich mich nicht so verhalte / anziehe, wie es das Opfer getan hat. Ich mache die Situation kontrollierbar und kann so weiter in der Illusion leben, dass ich vor solchen Übergriffen sicher bin. Nicht selten denken sogar die Opfer selbst so, da die erlebte Hilflosigkeit und Willkür sonst zu schlimmen psychischen Folgen führen würde.


Was aber machen solche Aussagen mit uns? Frauen werden auf ihr Aussehen / ihr Verhalten reduziert und in ihrer Freiheit massiv eingeschränkt – wenn sie im Falle eines Übergriffs nicht als mitschuldig angesehen werden wollen, müssen sie sich auf eine bestimmte Art und Weise anziehen, bestimmte Wege nutzen und dürfen nachts nicht allein rausgehen. Und was ich besonders schlimm finde, was für ein schreckliches Bild von Männern ist denn da in unserem Kopf abgespeichert? Männer sind demnach völlig triebgesteuerte Wesen, die sich nicht unter Kontrolle haben, wenn sie einer Frau begegnen, die zu viel Haut zeigt. Wenn das so wäre, dann dürfte es keine gemischten Saunen mehr geben – es müsste da ja ständig zu Vergewaltigungen kommen. Fakt ist doch nun einmal: selbst, wenn ich mich völlig nackt vor einen Mann hinstelle, hat dieser Mann nicht das recht mich anzufassen, wenn ich das nicht will und es kann auch von ihm erwartet werden, dass er das hinkriegt. Wie sehr dieses Denken uns beeinflusst kann man sehr leicht erkennen, wenn man sich die Diskussion anschaut, die durch den TikTok-Trend entstanden ist, in dem Frauen gefragt wurden, ob sie im allein im Wald lieber auf einen Bär oder auf einen fremden Mann treffen würden. Die Antwort lautete in vielen Fällen: lieber auf einen Bär.

 

Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer, kleinerer Vorurteile: Frauen können nicht einparken, Jungen weinen nicht, rosa ist für Mädchen, Frauen, die sich nicht die Beine rasieren sind ungepflegt, usw., usw. Und auch hier ertappe ich mich immer wieder dabei, dass auch ich diesen Vorurteilen unterliege. Wie ich damit umgehe? Ganz einfach, ich mache mir immer, wenn ich mich bei einem Gedanken ertappe, der vielleicht auf einem Vorurteil beruht, bewusst, dass es sich um ein Vorurteil handeln könnte und überlege mir, was an diesem Gedanken wirklich dran ist. Gibt es einen guten Grund dafür, dass ich so denke? Entspricht das, was ich denke, einer objektiven Wahrheit oder ist es nur ein Konstrukt, dass sich über Erfahrung, Erziehung und Gesellschaft in meinem Gehirn gebildet hat? Woran erkenne ich solche Gedanken? Ein guter Hinweis ist, wenn mir das Verhalten oder Aussehen einer Person aus irgendeinem Grund besonders auffällt, was von der Person aber gar nicht gewollt ist. Natürlich werde ich nicht allen Vorurteilen, die ich habe, so auf die Spur kommen, doch es schärft mein Bewusstsein dafür, dass ich Vorurteile habe und macht mich vorsichtiger im Umgang mit Menschen, die anders sind als ich.

 

Übrigens, solltet ihr jetzt neugierig sein und euren eigenen unbewussten Vorurteilen auf die Spur kommen wollen: Man kann im Internet einen Demotest des Harvard Implicit Association Test machen, auch auf Deutsch. Hier wird getestet, wie sehr in unserem Gehirn bestimmte Eigenschaften mit bestimmten Personengruppen verbunden sind. Es gibt unterschiedliche Tests zu unterschiedlichen Themen.

 

Bleibt mir nur noch zu sagen: Es ist ok Vorurteile zu haben, aber es ist wichtig sich dessen bewusst zu sein und diese Vorurteile nicht unser Verhalten bestimmen zu lassen.

 

Ach ja, ich wäre über Themenvorschläge sehr froh, wenn ihr also zu einem bestimmten Thema gerne etwas lesen wollt, dann schreibt mir das einfach in die Kommentare.

 
 
 

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