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Herculine Adélaïde Barbin / Abel Barbin

Heute möchte ich euch eine Person vorstellen, von der man weiß, dass sie intergeschlechtlich war und vermutlich auch nonbinär. Die Rede ist von Herculine Adélaïde Barbin oder, wie sie/er später hieß Abel Barbin.


Barbin wurde 1838 in Saint-Jean-d'Angély in Frankreich geboren. Bei der Geburt wurde Barbin dem weiblichen Geschlecht zugeordnet und Herculine Adélaïde genannt, ihr/sein Spitzname war Alexina. Die Zuordnung scheint auch ohne Zweifel vorgenommen worden zu sein und so wuchs Barbin als Mädchen auf. Da ihr/sein Vater früh starb und die Mutter daher arbeiten musste, wuchs Barbin in einem Kloster der Ursulinen auf. Barbin war ein*e gute*r Schüler*in, jedoch kränklich und physisch schwach. Während Barbins Zeit als Schüler*in im Konvent verliebte er/sie sich in eine Mitschülerin namens Lea. Als dies bekannt wurde, intervenierten die Schwestern im Kloster, Barbin wäre sogar beinahe die Erstkommunion verweigert worden.


In der Folge arbeitete Barbin zusammen mit ihrer / seiner Mutter bei einer adeligen Familie als Dienstmagd. Bis ins Alter von 17 zeigten sich bei Barbin keinerlei Anzeichen der Pubertät, was zwar zu Arztbesuchen und verschiedenen erfolglosen Behandlungsversuchen führte, aber als harmlos eingestuft wurde. Der Arzt beschloss letztlich die Behandlung einzustellen und das Ganze der Zeit zu überlassen. Barbins Anstellung bei der adligen Familie endete, als die Tochter der Familie, deren Magd Barbin war, heiratete. Barbin wurde daraufhin im Alter von 17 Jahren nach Le Château geschickt und dort zur Lehrerin ausgebildet. Ich verwende hier mit Absicht ausschließlich den Begriff Lehrerin, da sich zur damaligen Zeit die Ausbildung zur Lehrkraft für Mädchen gravierend von der Ausbildung zur Lehrkraft für Jungen unterschied und darüber hinaus nur Frauen an einer Mädchenschule unterrichten durften.


In Le Château freundete sich Barbin mit einer Mitschülerin namens Thécla an, die von Barbin häufig geküsst wurde, was auch dem Lehrpersonal auffiel. Zu dieser Zeit setzte auch bei Barbin die Pubertät ein, jedoch anders als bei ihren/seinen Mitschülerinnen. Barbins Züge wurden männlicher und es zeigte sich ein erster Bartwuchs und eine stärkere Körperbehaarung. Um Spott zu entgehen, rasierte Barbin sich heimlich und trug immer lange Kleidung, die die Haare an Armen und Beinen versteckten. Außerdem vermied Barbin es mit ihren/seinen Freundinnen schwimmen zu gehen.

Aufgrund der Warnungen des Lehrpersonals stellte Barbin die Beziehung zu Thécla ein, um Thécla's Ruf und berufliche Zukunft nicht zu gefährden.


Barbin beendete die Ausbildung als Beste*r des Jahrgangs und erhielt mit 19 eine Stelle als Lehrerin an einer Mädchenschule in Saint-Jean-d'Angély. Hier traf Barbin auf Sara, die Direktorin der Schule. Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft und mit der Zeit eine Liebesaffäre. Barbins Gefühle für Sara und die Intimität, die sie teilten führte bei Barbin zu einer inneren Zerissenheit. So fühlte Barbin sich unwiderstehlich zu Sara hingezogen, hatte jedoch gleichzeitig schwere Schuldgefühle. Barbin war streng religiös als Frau erzogen worden und Sara's Familie hatte Barbin gebeten Sara wie eine Schwester zu behandeln, folglich machte sich Barbin schwere Vorwürfe.


Zusätzlich zu diesem psychischen Leiden stellten sich bei Barbin auch starke körperliche Schmerzen ein. Sara bat Barbin zu einem Arzt zu gehen, doch Barbin weigerte sich zunächst.

Die Beziehung zwischen Barbin und Sara wurde immer intensiver und blieb bald auch den Schülerinnen nicht mehr verborgen. Schließlich bestellte Sara's Mutter Sara zu sich und bat sie, die Regeln des Anstands einzuhalten. Trotz dieser Ratschläge hatte Sara's Mutter volles Vertrauen zu Sara und Barbin und verurteilte die beiden nicht, wie es andere taten. In der Folge führten die beiden ihre Beziehung fort, verhielten sich jedoch diskreter.


Schließlich entschloss sich Barbin, aufgrund der anhaltenden Schmerzen, doch einen Arzt aufzusuchen. Dieser stellte fest, dass Barbin weibliche und männliche Geschlechtsorgane hatte. Er teilte seine Entdeckung auch der Schule mit, jedoch wurde Barbin deswegen nicht entlassen und auch sonst waren die Konsequenzen eher gering. Es scheint als habe man die Ausführungen des Arztes nicht richtig verstanden. Zwar bestand die Mutter von Sara nun darauf, dass die beiden nicht mehr im selben Bett schlafen dürften, aber Sara und Barbin führten ihre Beziehung heimlich fort.


Dennoch führte das Wissen, um ihre körperlichen Besonderheiten und die heimliche Beziehung zu Sara bei Barbin zu großen seelischen Qualen, die sie/er durch eine Beichte beim Bischof von La Rochelle zu lindern suchte. Der Bischof wiederum bat Barbin darum, das Beichtgeheimnis brechen zu dürfen, um seinen eigenen Arzt um Rat fragen zu können. Dieser Arzt stellte schließlich fest, dass Barbin ein Hermaphrodit mit überwiegend männlichen Geschlechtsmerkmalen war. Als Folge dieser Entdeckung wurde Barbin 1860 mit 22 Jahren zum Mann erklärt. Der Name wurde in Abel geändert und die Einträge zum Geschlecht wurden in den juristischen Dokumenten korrigiert. Als Folge dieser Offenbarung, verlor Barbin die Stellung als Lehrerin an einer Mädchenschule und auch die Beziehung zu Sara. Barbin, die / der bisher kaum Erfahrungen mit Männern hatte, immer ausschließlich unter Frauen gelebt hatte, war plötzlich gezwungen sich wie ein Mann zu benehmen und einen Männerberuf zu finden.


Die ungewöhnliche Transformation von Barbin von Frau zu Mann blieb auch der Öffentlichkeit nicht verborgen. So erschien am 18.07.1860 ein Artikel in der Lokalzeitung L'Echo Rochelais, der übersetzt wie folgt lautete:

"Da in unserer Stadt nur noch von einer seltsamen, in der medizinischen Physiologie außergewöhnlichen Metamorphose gesprochen wird, haben wir aus zuverlässiger Quelle Auskünfte eingeholt, um darüber ein paar Worte zu sagen.

Ein Mädchen von einundzwanzig Jahren, das durch seine hohe Gesinnung wie durch seine solide Ausbildung eine bemerkenswerte Lehrerin war, hatte bisher fromm und sittsam in Unwissenheit über sich selbst gelebt, das heißt, im Glauben, das zu sein, was sie nach Meinung aller zu sein schien, obwohl es da organische Besonderheiten gab, die bei erfahrenen Leuten Befremden hätten auslösen müssen, dann Zweifel und durch den Zweifel Aufklärung; doch die christliche Erziehung des Mädchens war der unschuldige Schleier, der ihr die Wahrheit verhüllte.

Erst vor kurzem hat endlich ein zufälliger Umstand ihren Zweifel geweckt; die Wissenschaft wurde hinzugezogen, ein Irrtum im Geschlecht wurde festgestellt ... Das Mädchen war ganz einfach ein junger Mann."


Barbin wurde Opfer von zahlreichen Anschuldigungen und Verleumdungen. So wurde z.B. behauptet Barbins Mutter habe Barbins wahres Geschlecht verheimlicht, um Barbin vor der Wehrpflicht zu bewahren. Andere warfen Barbin vor ihre/seine körperlichen Besonderheiten ausgenutzt zu haben, um heimliche Liebesaffären mit Frauen, die Gott versprochen waren, zu haben.


Barbin selbst versuchte diese Vorwürfe nicht an sich heran zu lassen und sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Barbin änderte ihr/sein Aussehen und nahm einen Job bei der Eisenbahn an. Nach einigen Wochen wurde Barbin nach Paris bestellt, um sich dem Leiter des Eisenbahnbetriebs vorzustellen. In Paris fühlte Barbin sich sicherer als in ihrem / seinem Heimatort und sie/er blieb dort. Doch auch in Paris war Barbin ständig dem Hass und den Vorwürfen der Gesellschaft ausgesetzt. Barbin verlor den Job und es folgte eine ständige Suche nach einer neuen Anstellung, die jedoch selten von Erfolg gekrönt war und nie von Dauer.


Barbin verarmte und isolierte sich immer mehr. Unfähig einen Job zu finden und zu behalten und ständig dem Spott und den Vorwürfen ausgesetzt, wurde Barbin depressiv. Im Februar 1868 nahm sich Barbin im Alter von 30 Jahren das Leben. Sie / er hatte sich mit Hilfe eines Kohleofens erstickt. Auf dem Tisch hinterließ Barbin ihre / seine Memoiren, die abwechselnd in männlicher und weiblicher Form geschrieben worden waren.


Nach Barbins Tod wurde der Leichnam an einer medizinischen Fakultät untersucht und wurde Gegenstand eines medizinischen Artikels. Teile der Lebenserinnerungen Barbins wurden erstmals 1874 publiziert und Barbins Schicksal wurde in mehreren literarischen Werken verwendet. 1978 wurden Barbins Texte schließlich komplett publiziert und 1980 erschien eine englische Übersetzung. 2008 wurde das französische Original erneut publiziert und 1984 erschien der Film „Le Mystère Alexina“, der Barbins Leben thematisiert.


Die Informationen über Barbins Leben stammen zum großen Teil aus den Memoiren und aus Zeitungsartikeln, ärztlichen Gutachten und offiziellen Dokumenten. In den Memoiren wird Barbin jedoch Camille genannt. Es ist unklar, ob dieses Pseudonym, ein Vorname der sowohl männlich als auch weiblich verwendet werden kann, von Barbin stammt. Möglich wäre auch, dass der Arzt, der die Memoiren im Zuge seiner medizinischen Abhandlung veröffentlichte diese Änderung durchgeführt hat.


Barbins Memoiren zeigen deutlich die unüberwindbaren Probleme vor die sie/er unverschuldet, nur aufgrund der biologischen Besonderheiten mit denen sie/er geboren wurde, gestellt wurde. Wie sehr Barbin gelitten haben muss zeigt sich sehr eindrucksvoll in folgendem ins Deutsche übersetzten Zitat aus ihren/seinen Memoiren:


"Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und obwohl ich noch jung bin, nähere ich mich zweifellos dem verhängnisvollen Ende meiner Existenz.

Ich habe viel gelitten, und habe allein gelitten, allein, von allen verlassen. Mir war kein Platz bestimmt in dieser Welt, die mich floh, die mich verdammt hatte. Kein lebendes Wesen musste diesen unendlichen Schmerz teilen, der mich am Ende meiner Kindheit überkam, in dem Alter, in dem alles schön ist, weil alles unbeschwert und verheißungsvoll ist."

 
 
 

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