Gendern - nervig oder nötig?
- weberwaldweiler
- 30. Nov. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Ein kurzer Hinweis:
Heute schreibe ich über ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Es ist allerdings ein sehr komplexes Thema, mit vielen Facetten, die ich in diesem kurzen Blogartikel nur anreißen kann. Außerdem war es mir wichtig nicht einfach meine Gedanken dazu niederzuschreiben, sondern sie auch so gut wie möglich zu belegen. Ich beziehe mich daher in diesem Artikel auf verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, die ich euch am Ende des Artikels nenne. Ich hoffe, dass der Artikel nicht zu wissenschaftlich-kompliziert geworden ist, über Rückmeldungen dazu würde ich mich freuen.
„..., denn in unserer Sprache gilt die Regel: 99 Sängerinnen und 1 Sänger sind zusammen 100 Sänger … Futsch sind die 99 Frauen, nicht mehr auffindbar, verschwunden in der Männer-Schublade.“ (Zitat von Luise F. Pusch, 1990)
Ein Thema, das aktuell für viele Diskussionen sorgt und sogar bis vor den Bundesgerichtshof (BGH VI ZR 143/17) gegangen ist, ist die Frage ob man Gendern darf / soll / muss. Also unter anderem: Sollte man in Schrift- und Wortsprache das generische Maskulinum benutzen oder sollte man auf Alternativen zurückgreifen und wenn ja, wie sollte die Alternative aussehen?
Das generische Maskulinum bezeichnet Begriffe, die in ihrer männlichen Form als Oberbegriff für alle Menschen, also auch Frauen und diverse Personen gelten. Zum Beispiel, wenn man in einem Bericht von den Wissenschaftlern redet, dabei aber nicht nur männliche Wissenschaftler meint, sondern auch alle anderen.
Die Nutzung des generischen Maskulinums ist jedem bekannt und vertraut und nicht wenige argumentieren, dass es Unsinn sei, etwas daran zu ändern, weil es schon „immer“ funktioniert hat. Darüber hinaus wird auch die Grammatik angeführt, nämlich die Tatsache, dass Genus (das grammatikalische Geschlecht) und Sexus (das biologische Geschlecht) zwei völlig verschiedene Dinge seien. Als Beispiel wird angeführt, dass ein Begriff, der in der Sprache männlich ist, nicht automatisch biologisch männliche Dinge bezeichnet. Es wird hier angeführt, dass es ja auch Dinge gibt, die männliche oder weibliche Bezeichnungen und Pronomen haben, obwohl sie gar kein biologisches Geschlecht besitzen (z.B. der Tisch, die Brücke).
Schauen wir uns diese Argumente doch einmal genauer an. Zunächst einmal muss man bedenken, dass es lange Zeit überhaupt nicht relevant war, ob Frauen bei bestimmten Berufsbezeichnungen automatisch mit eingeschlossen sein sollten oder nicht, da Frauen in den entsprechenden Bereichen nicht oder nur sehr eingeschränkt repräsentiert waren / sein durften. Wenn früher von den Müllern gesprochen wurde, dann waren nur Männer gemeint, weil nur Männer Müller waren, und die Müllerin war lediglich die Ehefrau des Müllers. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr Frauen in gesellschaftliche Rollen, die früher nur Männern offenstanden. Schaut man sich den Sprachgebrauch damals an, so wurde teilweise besonderer Wert darauf gelegt, diese Frauen explizit mit ihrer weiblichen Form zu bezeichnen, um sie von den Männern abzugrenzen. Erst in der Nachkriegszeit setzte sich das generische Maskulinum als Bezeichnung für alle Menschen, also Männer, Frauen und diversgeschlechtliche Personen im allgemeinen Sprachgebrauch durch. Interessant auch im Hinblick auf die Genus – Sexus – Debatte ist folgendes Zitat von Johann Christoph Gottsched aus dem Jahr 1748: „Wörter, die männliche Namen, Aemter, Würden, oder Verrichtungen bedeuten, sind auch männliches Geschlechts. Z.B. der Mann, der Herr, der Graf, der Fürst, … Ferner Vater, Sohn, … Freund, Feind, … Diese Regeln hat gar keine Ausnahme; weil sie sich auf das Wesen der Dinge gründet, … Alle Namen und Benennungen, Aemter und Tiel, Würden und Verrichtungen des Frauenvolks, sind weiblichen Geschlechts. Z.B. …, Kaiserinn, Königinn, …, Oberstinn, Hauptmannin, ...“.1 Gottsched macht hier sehr deutlich, dass Genus und Sexus zusammenhängen und sagt außerdem, dass mit Wörtern, die grammatikalisch männlich sind auch ausschließlich biologisch männliche Lebewesen gemeint sind.2
Doch was ist jetzt mit dem Tisch und der Brücke? Es zeigt sich, dass auch bei Gegenständen das grammatikalische Geschlecht einen Einfluss darauf hat, wie wir diese Gegenstände wahrnehmen und kategorisieren. Die Brücke ist im Deutschen weiblich, im Spanischen jedoch männlich. Interessanterweise werden Brücken im Deutschen eher als »schön, elegant, fragil, friedlich, hübsch und schlank« beschrieben, im Spanischen eher als »groß, gefährlich, lang, stark, stabil und gewaltig«.3 In einer Studie von Sera et al. (2002) wurden französische und spanische Personen gebeten, Gegenständen für einen Comicfilm Stimmen zuzuweisen. Es zeigte sich, dass z.B. einer Gabel, die im Französischen weiblich ist, im Spanischen jedoch männlich, von den Franzosen eine weibliche Stimme zugeteilt wurde, von den Spaniern jedoch eine männliche Stimme.4 Offensichtlich gibt es also auch bei Gegenständen in unserer Wahrnehmung einen Zusammenhang von Genus und Sexus.
Und auch, wenn man sich die deutsche Grammatik einmal genauer ansieht, muss man sich über den Gebrauch des generischen Maskulinums wundern. So gibt es im Deutschen Personenbezeichnungen, die geschlechtsunspezifisch sind und Personenbezeichnungen die sich dadurch auszeichnen, dass sie zwischen männlich und weiblich unterscheiden. Beispiele für geschlechtsunspezifische Bezeichnungen sind: die Person, das Kind, der Mensch. Sie können ohne Einschränkung für Personen beliebigen Geschlechts verwendet werden: Susi / Peter ist eine kluge Person / ein ruhiges Kind / ein verschlossener Mensch. Geschlechtsspezifische Personenbezeichnungen treten dagegen paarweise auf, z.B. Mann – Frau, Mädchen – Junge, Studentin – Student. Diese können nicht uneingeschränkt genutzt werden: Susi / Peter ist ein kluger Mann / ein nettes Mädchen / ein fleißiger Student. Die deutsche Grammatik unterscheidet also explizit zwischen geschlechtsunspezifischen Bezeichnungen, die nicht in Paaren auftreten und geschlechtsspezifischen Bezeichnungen, für die es immer entgegengesetzte Begriffspaare gibt, wobei ein Begriff für weiblich und einer für männlich steht. Grammatikalisch ist die Verwendung eines maskulinen Begriffs, der ein weibliches Gegenstück hat, also keineswegs auch für weibliche Personen anwendbar, da es ja genau dafür das weibliche Gegenstück gibt.5
Nun könnte man sagen: „Schön und gut, aber das generische Maskulinum wird nun mal im Sprachgebrauch seit Jahren verwendet, jeder weiß, wie es gemeint ist und es hat auch bisher noch nie jemandem weh getan.“ Mal ganz davon abgesehen, dass etwas, was seit Jahren immer so gemacht wird und funktioniert hat nicht automatisch richtig ist, zeigt die aktuelle Diskussion schon, dass sich sehr wohl Menschen darüber ärgern. Auch ist die Diskussion gar nicht so aktuell, wie man meinen könnte. Bereits seit den 70er Jahren wurde von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen immer wieder eine geschlechtergerechte Sprache gefordert. Ihr Argument lautet im Wesentlichen: Der Gebrauch des generischen Maskulinums führt zu einer geringeren Sichtbarkeit und verminderten gedanklichen Repräsentation von Frauen. Diese Aussage wird durch zahlreiche Studien (z.B. 6) gestützt und ist im Grunde auch logisch, da die Verknüpfung generisches Maskulinum – männlich im Gehirn stärker ist als die Verknüpfung generisches Maskulinum - weiblich. Bei der Verwendung des generischen Maskulinums steht fest, dass immer mindestens auch ein Mann gemeint ist, während unklar ist, ob auch eine Frau gemeint ist oder nur Männer. Eine Gruppe von Wissenschaftlern ist entweder eine rein männliche Gruppe oder eine gemischte Gruppe, jedoch in der Regel keine rein weibliche Gruppe, da diese als Wissenschaftlerinnen bezeichnet werden würde. Ein schönes Beispiel für diese Verknüpfung findet sich bei Gümüşay (2020): „Stellen Sie sich vor, Folgendes geschieht: Ein Vater und ein Sohn sind mit dem Auto unterwegs und haben einen Unfall, bei dem beide schwer verletzt werden. Der Vater stirbt während der Fahrt zum Krankenhaus, der Sohn muss sofort operiert werden. Bei seinem Anblick jedoch erblasst einer der diensthabenden Chirurgen und sagt: »Ich kann ihn nicht operieren – das ist mein Sohn!«“3 - Wenn es euch so geht wie mir, kommt ihr erst mal ins Stutzen, denn wer ist diese Person? Es ist die Mutter, doch aufgrund der Verwendung des generischen Maskulinums denken wir bei dem Begriff Chirurgen nun mal zuerst an einen Mann.
Doch warum ist es überhaupt wichtig, wie unsere Sprache beschaffen ist und welche Wörter wir benutzen? Wilhelm von Humboldt sagte dazu: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken.“ Was ist damit gemeint? Zahlreiche Studien haben belegt, dass unsere Sprache mit der Art und Weise wie wir denken (können) eng verbunden ist. Ein sehr schönes Beispiel sind hier die Thaayorre, ein Volk im Norden Australiens. In ihrer Sprache gibt es keine Wörter für links und rechts, sie verwenden stattdessen die Himmelsrichtungen. Dies hat zur Folge, dass bereits kleine Kinder, egal wo sie sich befinden problemlos die Himmelsrichtung bestimmen können, auch in geschlossenen Räumen.
Besonders eindrucksvoll ist jedoch eine Studie von Jakiela & Ozier von 2020. In einer sehr großen Studie untersuchten sie den Einfluss von Sprachen mit grammatischem Geschlecht und Sprachen ohne grammatisches Geschlecht auf die Erwerbsbeteiligung von Frauen. Sie schlossen über 4000 Sprachen mit ein und konnten einen signifikanten Zusammenhang finden: das Sprechen einer geschlechtsspezifischen Muttersprache ist mit einer niedrigeren Erwerbsbeteiligung und einem niedrigeren Bildungsniveau von Frauen verbunden.7
Alles in allem sind das meiner Meinung nach deutliche Argumente für eine geschlechtergerechte Sprache. Dennoch gibt es natürlich auch einige Gegenargumente. So gibt es z.B. noch keine allgemein anerkannte Variante des Genderns – die Vorschläge reichen von der Nennung beider Geschlechter über das I oder das *, bis hin zu komplett neuen Wortschöpfungen mit den Endungen -ix oder -y. Vor allem der Wunsch auch diverse Personen sprachlich mit einzubeziehen ist bei den ersten Vorschlägen nicht erfüllt und Varianten wie das * führen zu einer deutlich schlechteren Lesbarkeit von Texten. Aufgrund dieser Schwierigkeiten das Gendern jedoch komplett zu verteufeln halte ich für genauso falsch. Die Suche nach der besten Lösung ist noch im Gange und bis sie gefunden ist, sollte man meiner Meinung nach Milde walten lassen. Für mich ist es wichtig zu zeigen, dass ich eine geschlechtergerechte Sprache befürworte und ich werde in diesem Blog daher die Variante mit dem * verwenden, da ich das derzeit für die beste Lösung halte. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren, solange die Belehrung respektvoll und mit sinnvollen Argumenten vorgetragen wird.
Quellen:
Gottsched, Johann Christoph. 1748. Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst: Nach den Mustern der besten Schriftsteller des vorigen und jetzigen Jahrhunderts abgefasset, Leipzig : Verlegts Bernh. Christoph. Breitkopf, 61 – 67
Müller-Spitzer, Carolin. 2021. Geschlechtergerechte Sprache: Zumutung, Herausforderung, Notwendigkeit? Sprachreport Jg.37 Nr. 2, 1-12
Gümüşay, Kübra. 2020. Die Macht der Sprache. In: Sprache und Sein. Hanser Berlin, 11-20
Sera, Maria D., Elieff, Chryle, Clark Burch, Melissa, Forbes, James, Rodríguez, Wanda & Poulin Dubois, Diane. 2002. When Language Affects Cognition and When It Does Not: An Analysis of Grammatical Gender and Classification. Journal of Experimental Psychology 131 No. 3, 377-397
Diewald, Gabriele. 2018. Zur Diskussion: Geschlechtergerechte Sprache als Thema der germanistischen Linguistik – exemplarisch exerziert am Streit um das sogenannte generische Maskulinum. Zeitschrift für germanistische Linguistik 46(2), 283-299
Stahlberg, Dagmar & Sczesny, Sabine. 2001. Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau 52(3), 131-140
Jakiela, Pamela & Ozier, Owen. 2020. Gendered Language, IZA Discussion Papers, No. 13126, Institute of Labor Economics (IZA), Bonn








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