Christopher Street Day
- weberwaldweiler
- 4. Jan. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Die meisten von euch werden bereits einmal Zeuge eines Christopher Street Days – kurz CSD gewesen sein oder sogar mitgemacht haben, doch was genau wird da eigentlich gefeiert und woher kommt diese Tradition?
Der CSD ist heute ein Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und allgemein queeren Personen, der in vielen Ländern und Städten jährlich gefeiert wird. Der Begriff Christopher Street Day wird jedoch hauptsächlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz verwendet, in anderen Ländern spricht man von Gay Pride und Pride Parades. „Pride“ ist das englische Wort für „Stolz“ und genau darum geht es: stolz zu seiner queeren Identität / Gesinnung zu stehen und sich nicht zu verstecken.
Der Name Christopher Street Day leitet sich von der Christopher Street im New Yorker Stadtviertel Greenwich Village ab. Hier befand sich das Stonewall Inn, welches 1930 als so genannte „Flüsterkneipe“ gegründet wurde. Eine Flüsterkneipe war eine Bar in der auch während der Alkoholprohibition Alkohol verkauft wurde, daher sollte hier möglichst leise gesprochen werden, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. 1934 wurde das Stonewall Inn in die Christopher Street verlegt, wo es bis 1966 als Restaurant geführt wurde. 1966 erwarben 4 Mafiosi das Stonewall Inn und eröffneten es am 19.03.1967 als Schwulenbar neu.
In den 1960er Jahren kam es in New York und anderen Städten immer wieder zu gewalttätigen Polizei-Razzien in Schwulenlokalen, bei denen die Identität der Besucher festgestellt und teilweise auch öffentlich gemacht wurde. Außerdem kam es zu Verhaftungen und Anklagen wegen „anstößigem Verhalten“. Zu „anstößigem Verhalten“ zählte Küssen, Händchenhalten, Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts oder auch die bloße Anwesenheit in einer solchen Kneipe während der Razzia. Darüber hinaus setzte die Polizei sogar Lockvögel ein, um queere Menschen zu solchen „Anstößigkeiten“ zu verleiten und sie anschließend festzunehmen. Bis 1966 war es außerdem nach den Richtlinien der State Liquor Authority erlaubt einer Bar die Schankerlaubnis zu entziehen, wenn sie wissentlich Alkohol an eine Gruppe von drei oder mehr Homosexuellen ausschenkte. Aufgrund dessen erwarben die neuen Besitzer des Stonewall Inn eine Privatclub-Lizenz, da es Mitgliedern eines Privatclubs gestattet war ihre eigenen alkoholischen Getränke mitzubringen.
1969 waren Schwulenbars zwar bereits legal, jedoch war das Stonewall Inn trotzdem noch das Ziel von regelmäßigen Polizei-Razzien. So hatten die Betreiber keine Schankerlaubnis, es gab Verbindungen zum organisierten Verbrechen und in der Bar traten spärlich bekleidete Go-Go-Boys auf. Vermutlich spielte auch die Tatsache, dass im Stonewall Inn viele People of Color verkehrten eine Rolle.
Trotz Bestechung kam es im Schnitt 1x monatlich zu Razzien im Stonewall Inn, wobei das Management der Bar fast immer vorgewarnt wurde. Auch wurden Razzien normalerweise früh am Abend durchgeführt, so dass die Bar zur Hauptgeschäftszeit ihren Betrieb fortsetzen konnte. Während einer solchen Razzia wurde das Licht angeschaltet und die Besucher der Bar wurden in eine Reihe gestellt und mussten sich ausweisen. Personen ohne Ausweis wurden häufig verhaftet, ebenso die Bediensteten der Bar. Darüber hinaus wurden häufig auch Personen verhaftet, die nicht mindestens 3 Teile von Gender-konformer Kleidung trugen, also z.B. Männer in komplettem Drag-Outfit. In der Regel wurden Verhaftete bereits nach wenigen Stunden wieder entlassen, wodurch die Bedienungen der Bar einer Verhaftung gelassen entgegensahen. Man könnte also sagen, die Kundschaft und die Bedienungen des Stonewall Inn waren Razzien und Verhaftungen gewohnt.
Dennoch kam es am 28.06.1969 im Stonewall Inn zu einem gewalttätigen Aufstand als Folge einer solchen Razzia. Was war an diesem Tag anders? Vermutlich war es ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. So war eine Woche vorher Judy Garland gestorben, die für viele Homosexuelle eine wichtige Ikone war. Die Beerdigung fand am 27.06.1969 statt und wurde von 22 000 Menschen besucht, darunter 12 000 Homosexuelle. Viele der Kunden des Stonewall Inn am 28.06.1969 standen noch unter dem Eindruck dieser Beerdigung. Zwar lässt sich nicht sicher sagen, ob es hier einen Zusammenhang zu dem Aufstand gibt, doch man kann davon ausgehen, dass viele der Besucher noch emotional aufgewühlt waren. Ein zweiter Faktor war der Zeitpunkt der Razzia. So hatte das Management im Vorfeld keinen Hinweis auf die Razzia bekommen und untypischerweise wurde die Razzia um 1:20 Uhr vorgenommen, also viel später als gewöhnlich. Es gibt verschiedene Aussagen darüber, was letztlich der Auslöser des Aufstands gewesen ist. So wird einerseits behauptet, dass eine Trans-Frau eine Flasche nach einem Polizisten geworfen habe, nachdem dieser sie mit seinem Schlagstock getroffen habe, andere Quellen berichten, dass sich eine lesbische Frau dagegen gewehrt habe, in ein Polizeiauto gesteckt zu werden und damit die umstehende Menge dazu angespornt habe sich ihr anzuschließen. In der Folge entwickelte sich eine Schlägerei, bei der die ursprünglichen 8 Polizisten, die die Razzia durchführten schnell überwältigt wurden. Sie zogen sich in die Bar zurück und verbarrikadierten sich dort. Die Nachricht über den Aufstand verbreitete sich schnell und es kamen immer mehr Anwohner und Kunden nahegelegener Bars dazu. Die Aufständischen versuchten die Tür der Bar mit Mülltonnen und einer abgebrochenen Parkuhr aufzurammen, es wurde sogar versucht die Bar anzuzünden. Die Zahl der Protestierenden in dieser Nacht wird auf 2 000 geschätzt, gegen die 400 Polizisten eingesetzt wurden, unter anderem auch eine Spezialeinheit. Es ist bekannt, dass es zu Misshandlungen feminin aussehender Männer durch Polizisten kam, aber auch 4 Polizisten wurden verletzt. In dieser Nacht entlud sich der aufgestaute Zorn und die Empörung über die Art und Weise, wie Homosexuelle von der Polizei jahrelang behandelt worden waren. Die Protestierenden warfen Steine und Flaschen und riefen „Gay Power!“. In Folge dieses Aufstands kam es auch am 29.06. und 5 Tage später erneut zu Protesten mit erheblichem Sachschaden.
Im Anschluss an die Stonewall-Unruhen widmeten sich zahlreiche Medien dem Thema und politische Gruppierungen wie die Gay Liberation Front wurden gegründet und traten für mehr Rechte und Toleranz ein. Genau ein Jahr nach dem Aufstand kamen im New Yorker West Village rund 4000 Homosexuelle zusammen und erinnerten mit einer großen Demonstration an das Ereignis und legten damit den Grundstein für die jährlichen Pride Parades, die daraufhin in zahlreichen Städten in den USA und Europa initiiert wurden.
In Deutschland schenkte man der Schwulenbewegung in den USA damals noch wenig Beachtung. Erst 1979, zum zehnten Jahrestag des Stonewall-Aufstands wurde der erste CSD in West-Berlin organisiert. Am letzten Samstag im Juni trafen sich ca. 450 Lesben und Schwule am Savignyplatz, um gemeinsam über den Kurfürstendamm in Richtung Halensee zu ziehen. Die Teilnehmer zogen mit Pritschenwagen, selbst gemalten Transparenten und Megafon los und forderten: „Schwule, lasst das Gaffen sein, kommt herbei und reiht euch ein! - Lesben, erhebt euch, und die Welt erlebt euch!“ Zwar gab es bereits im Vorfeld CSD-artige Aktionen in Deutschland, doch trägt die Berliner Demonstration am 30.06.1979 zum ersten Mal den Namen Christopher Street Day. Im Gegensatz zu früheren Demonstrationen von Homosexuellen, an denen sich aus Angst Demonstranten teilweise nur vermummt auf die Straße trauten, herrschte eine ausgelassene und fröhliche Stimmung und Menschen bekannten sich stolz zu ihrer Homosexualität.
Von anfangs ca. 450 Teilnehmern wuchs die Veranstaltung kontinuierlich an, 1989 waren es bereits 5000 Teilnehmer. Ab Mitte der 1990er Jahre gab sich der Berliner CSD jährlich ein Leitmotto. 2019, zum 50. Jahrestag des Stonewall-Aufstands, erreichte der Berliner CSD die bisher höchste Teilnehmerzahl von 1 000 000 Teilnehmern. Das Motto lautete: „Stonewall 50 – Every riot starts with your voice“.
Von 1998 bis 2013 wurde in Berlin der Transgeniale CSD als politische Alternative zum inzwischen als zu kommerzialisiert empfundenen Christopher Street Day durchgeführt. Die Veranstalter des Transgenialen CSD kritisierten vor allem, dass der CSD zunehmend von Parteien und kommerziellen Sponsoren als Eigenwerbung genutzt wurde und politische Themen in den Hintergrund geraten seien. Hierzu trug auch bei, dass in den Medien vor allem die leicht bekleideten Paradiesvögel zu sehen waren, weniger jedoch die politischen Botschaften der Demonstrierenden.
Heute gibt es in beinahe jeder größeren (und teilweise auch kleineren Stadt) in Deutschland einen CSD, wobei die größten in Köln und Berlin stattfinden. Die Demonstrationen finden nicht genau am 28.06. statt, sondern, je nach Ort, an diversen Wochenenden zwischen April und Oktober. Es gibt in der Regel eine Parade und anschließende Kundgebung, die von Künstlern mit Auftritten unterstützt und gefeiert wird. Für 2025 sind für Deutschland 69 CSD-Paraden geplant, zwischen dem 26.04.2025 (Schönebeck) und dem 12.10.2025 (Greifswald). Der CSD in Köln findet dieses Jahr am 06.07.2025 statt und der in Berlin am 26.07.2025.
Doch was wurde aus dem Stonewall Inn? Ende 1969 wurde die Bar geschlossen und die Räumlichkeiten wurden an die verschiedensten Unternehmen vermietet. 1987 wurde in einem anderen Gebäude in der Christopher Street eine Bar namens Stonewall eröffnet, die jedoch 1989 wieder schloss. Im Mai 1990 wurde im ursprünglichen Stonewall-Gebäude eine Homosexuellen-Bar namens New Jimmy's eröffnet, die 1991 wieder in Stonewall umbenannt wurde.
1999 wurden die Bar-Gebäude zum „National Register of Historic Places“ hinzugefügt und bekamen 2000 den Status eines „National Historic Landmark“.
2006 musste die Bar dennoch aufgrund zahlreicher Probleme schließen, doch fanden sich glücklicherweise Investoren, die die Bar aufgrund ihrer historischen Bedeutung erhalten wollten und das Stonewall Inn eröffnete im März 2007 neu. Ab dieser Neueröffnung bestand die Klientel zum Großteil aus Touristen.
Am 24.06.2016 wurde das Stonewall National Monument von Präsident Barrack Obama gewidmet. Die Gedenkstätte liegt gegenüber vom Stonewall Inn im Christopher Park und sowohl das Stonewall Inn, als auch der Christopher Park gehören zum National Monument.
Aufgrund der COVID-19 Pandemie musste das Stonewall Inn im März 2020 vorübergehend schließen, was dazu führte, dass die Bar im Juni kurz vor der endgültigen Schließung stand. Um dies zu verhindern wurden zwei Crowdfunding-Kampagnen auf GoFundMe gestartet, wodurch die Bar im Juli 2020 mit begrenzter Kapazität wieder eröffnet werden konnte.
Im Juni 2022 starteten in dem Gebäude, das von 1987 bis 1989 als Stonewall Inn bekannt war die Arbeiten an einem Besucherzentrum, welches am 28.06.2024 eröffnet wurde. Es ist das erste offizielle nationale Besucherzentrum der USA für die LGBTQ-Kultur. Im Zuge der Eröffnungsfeierlichkeiten, an denen unter anderem Elton John und Präsident Joe Biden teilnahmen, wurde die U-Bahnstation Christopher Street-Sheridan Square in Christopher Street-Stonewall station umbenannt.








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