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Rain

Wie versprochen möchte ich euch heute etwas darüber erzählen, warum ich mich so für den Themenbereich LGBTQ+ interessiere und das hat zu einem großen Teil mit einem ganz besonderen Menschen zu tun: Rain. Rain ist mein Kind und hat uns vor einigen Jahren eröffnet, dass der Name, den wir Rain gegeben haben nicht passt, weil Rain sich nicht als Frau identifiziert und wir deswegen bitte Rain benutzen sollen. Zugegebenermaßen hat mich das überrascht, da Rain immer viel Wert auf Aussehen, Klamotten und Makeup gelegt hat, was für mich zu dieser Zeit noch sehr mit Weiblichkeit verknüpft war. Erst im Laufe der Jahre und nach intensiver Beschäftigung mit diesem Themenbereich habe ich erkannt, dass dieses Denken, genau wie vieles andere auch, dem kulturell übermittelten Bild entspringt, das ich als Kind und Jugendliche von meinem Umfeld beigebracht bekommen habe. Denn mal ehrlich: warum sollten Männer nicht auch Kleider tragen dürfen? Ist es nicht diskriminierend, wenn wir ihnen das „verbieten“? Man überlege sich mal, wie lange Frauen dafür gekämpft haben Hosen tragen zu dürfen – wäre es da nicht konsequent Männern gleiche Rechte einzuräumen? Und wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, dass man das Geschlecht an den Klamotten erkennen können sollte? Doch ich schweife ab. Heute will ich Rain zu Wort kommen lassen. Ich habe im Vorfeld einen kurzen Fragenkatalog zusammengestellt und Rain hat mir die Fragen folgendermaßen beantwortet:


Stell dich bitte kurz vor:

Hi mein Name ist Rain und ich bin das ältere Kind von Nicole. Ich identifiziere mich selbst als bisexuell und agender, ich bin also Teil von LGBT*Q+. Ich bin 25 Jahre alt, seit 10 Jahren in einer Beziehung, seit ca. einem Jahr verheiratet und habe ein 6 Jahre altes Kind. Ich nutze im Englischen die Pronomen they/them und im Deutschen ist es mir am liebsten, wenn man mich einfach bei meinem Namen nennt.


Wann und wie hast du gemerkt, dass du agender bist?

Das ist für mich schwierig auf einen Zeitpunkt zu beschränken. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich nicht bin wie andere Kinder. Ich habe mich unwohl gefühlt, wenn man über mich als Mädchen geredet hat und mochte es nicht, wenn man mein Spielverhalten oder meine Kleidungswahl darauf reduziert hat, dass ich ein „Mädchen“ bin. Als ich ein Teenager war, dachte ich dann zunächst, dass ich vielleicht transsexuell bin, da ich es leider noch nicht besser wusste. Hier ist mir jedoch relativ schnell klar geworden, dass das auch nicht stimmen kann, da ich mich auch nicht sonderlich wohl gefühlt habe mit dem Gedanken als Mann gesehen zu werden. Als ich dann ca. 17 Jahre alt war, habe ich mich weiter mit dem Thema LGBT*Q+ auseinandergesetzt und herausgefunden, dass es Menschen gibt, die sich keinem Geschlechtsbild so richtig zugeordnet fühlen und dann war mir klar, dass ich nichtbinär sein muss. Es hat dann noch etwas gedauert bis mir klar wurde, dass ich mich tatsächlich keinem der binären Geschlechter zugeordnet fühle und somit agender bin.


Du hast deinen Vornamen geändert, warum war dir das wichtig / was bedeutet das für dich?

Es war mir sehr wichtig meinen Vornamen zu ändern da mein Deadname (der Name, den meine Eltern mir bei Geburt gaben) sehr weiblich war und sich für mich schon immer falsch angefühlt hat. Auch bevor ich meinen Namen bei allen geändert habe, mochte ich es schon nicht meinen alten Namen zu hören und meine Freunde haben mich eher bei Spitznamen genannt. Für mich bedeutet die Änderung, dass man nicht von meinem Namen ausgehend direkt denkt ich wäre eine Frau. Menschen lesen nicht meinen Namen und erwarten eine Frau. Außerdem sorgt die offizielle Änderung beim Amt dafür, dass ich auch bei Amtsgängen meinen Deadname nicht mehr nutzen/hören muss. Wenn ich jemandem, der es nicht versteht erklären möchte, warum es wichtig war, erkläre ich wie ich mich fühle: Wenn jemand meinen Deadname benutzt ist das wie ein Stich ins Herz, es sagt mir, dass die Person mich nicht als die Person respektiert, die ich nun mal bin. Jedoch wenn mich Menschen bei meinem gewählten Namen nennen, fühlt es sich an wie eine Umarmung von deinem liebsten Menschen. Ich weiß bei dieser Person kann ich Ich sein!


Welchen Schwierigkeiten begegnest du im Alltag?

Da gibt es leider doch einige. Zuerst musste ich mich bis vor kurzer Zeit noch überall mit meinem alten Namen anmelden (Meine Namensänderung ist erst seit dem 11.11.2024 offiziell.), dementsprechend habe ich ihn auch noch sehr oft gelesen oder gehört. Außerdem wissen viele Menschen noch nicht was nichtbinär sein bedeutet. Das heißt jedes Mal wenn ich mich vorstelle, muss ich mein Geschlecht ansprechen, damit Menschen richtig über mich sprechen. Dies artet leider auch ab und an aus, da es Menschen gibt die absolut hasserfüllt sind. Ich werde auch oft gefragt, warum ich mich denn so „feminin“ kleide, wenn ich doch keine Frau sein will. Dann antworte ich immer, dass ich nicht keine Frau sein will, sondern keine bin, ich habe mir das wirklich nicht ausgesucht. Für mich hat nichts auf dieser Welt eine geschlechtliche Zuordnung und vor allem nicht Kleidung.


Du bist verheiratet und ihr habt einen gemeinsamen Sohn, dennoch würde man eure Ehe nicht als traditionell bezeichnen, möchtest du uns etwas darüber erzählen?

Ja, traditionell ist unsere Ehe wirklich nicht. Zunächst führen wir keine Ehe zwischen Mann und Frau, ich denke das ist für viele Menschen schon nicht traditionell. Jedoch ist wahrscheinlich der größere Punkt, dass wir eine polyamor offene Ehe führen. Mein Mann hat außer mir noch eine weitere Freundin und wir daten beide auch weiterhin andere Menschen. Außerdem haben wir auch sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen. Für uns hat Sex und Liebe keine direkte Verbindung. Uns ist gute Kommunikation am allerwichtigsten. Wir wissen, dass wir uns lieben und dass die Liebe zu jemand anderem die Liebe zum Ehepartner nicht schmälert.


Im Zusammenhang mit der Genderdiskussion wird immer auch von den zugehörigen Pronomen gesprochen. Ich habe einmal den Einwand gehört, dass darüber viel zu viel Aufsehen gemacht wird, da es doch völlig egal ist welche Pronomen jemand für dich benutzt, wenn du gar nicht dabei bist. Und im direkten Gespräch benutzt man eh keine Pronomen. Wie würdest du darauf antworten?

Dass das Unsinn ist! Ich würde fragen, wie es der Person damit gehen würde, wenn ich bei anderen grundsätzlich mit den anderen Pronomen über sie reden würde. Außerdem kommt es wohl häufig vor, dass Menschen über mich sprechen, wenn ich daneben stehe. Es hat auch etwas mit Respekt zu tun. Ich als Mensch möchte von dir als Mensch, dass du meine Wahl der Pronomen bzw. die Wahl keine zu nutzen respektierst. Außerdem geht es auch nicht rein um Pronomen, sondern auch darum welche anderen Worte man nutzt, z.B. wäre ich in einem Gespräch nicht Lehrerin sondern Lehrkraft.


Welche Botschaft möchtest du anderen Menschen gerne mitgeben, die das Gefühl haben nicht in das traditionelle Bild zu passen?

Nicht die Hoffnung verlieren! Es wird langsam alles besser und die Menschheit wird immer offener. Sei einfach du selbst und suche dir am besten Menschen die ähnlich nicht traditionell sind wie du. Merken, dass man nicht alleine ist, ist das Beste, dass mir passieren konnte. Schau dich in deiner Umgebung um, es gibt bestimmt Angebote für dich. Lass dich nicht verstellen!


Was sollte sich deiner Meinung nach unbedingt ändern (gesellschaftlich)?

Es müsste besser aufgeklärt werden über unterschiedliche Lebensweisen. In Schulen fängt das langsam an, jedoch denke ich, dass es nicht reicht nur junge Menschen aufzuklären, es muss auch Erwachsenen nahegebracht werden. Außerdem bin ich der Meinung, dass ich als polyamore Person in der Lage dazu sein sollte, mehr als nur einen Menschen zu heiraten. Im Grunde genommen habe ich das Gefühl, dass wir uns ganz langsam einer richtigen Richtung annähern, aber es ist noch lange nicht perfekt. Vor allem hat auch das neue Gleichstellungsgesetz in dem es um Geschlechtseintragungsangleichungen geht seine Fehler, z.B. sollte man seinen Namen komplett frei aussuchen können und nicht an das Deutsche Namensregister gebunden sein und an die Geschlechtseintragung.

 
 
 

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